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Fred Ammon

* 02.11.1930


Als ich am 2. November 1930 geboren wurde, haben mich meine Eltern schon erwartet. Meine Mutti war auch dabei, als ich auf die Welt kam. Kurz nach der Geburt traf mich der Schlag, ich weiß nicht mehr, von wem. „Das ist kein guter Anfang“, dachte ich und fing gleich an zu brüllen. Kaum auf der Welt und schon im Krankenhaus, das gefiel mir auch nicht. Ich drängte nach Hause und nahm meine Mutti gleich mit. Groß war unsere Wohnung ja nicht, aber da ich noch klein war, genügte sie mir.

Der Speiseplan war am Anfang nicht besonders abwechslungsreich, nur zwei Gerichte: eins links, eins rechts; schmeckte auch ziemlich überein. Unten hat mich Mutti zugebunden, war wohl nicht alles wasserdicht da. Meinen Po entdeckte ich später, darauf komme ich weiter hinten zurück.

Mein Papa war Musiker, er betonte seine guten Saiten. „Cello“ nannte er den komischen Holzdrachen, der hatte nur ein Bein. Da kam Musik‘ raus, war lustig! Nach ein paar Tagen lernte ich einen anderen Jungen kennen; „das ist dein Bruder“, sagte Mutti. Ich weiß nicht, wen sie von uns beiden gemeint hat; aber ich glaubte ihr das.

Ich strampelte mich durch die Zeit. Meine Hose reichte bis zum Hals, so klein war ich damals noch. Manchmal war sie gut gefüllt, roch komisch. So kam auch heraus, dass ich einen Po hatte. Der hatte auch zwei Backen wie mein Gesicht, sah aber anders aus. Als ich merkte, dass man den Po auch zum Sitzen nehmen konnte, machte ich das. Ich arbeitete mich langsam hoch. Das war auch die Zeit, wo ich meinen ersten Sprachunterricht bekam; mit den Sprechblasen, das fand ich lustig. Es wurde auch Zeit, dass ich Mutti und Papa meinen Namen sagen konnte, das Standesamt hat bestimmt schon darauf gewartet. Danach durfte ich dann auch bald stehen, das wackelte, aber machte Spaß. Ich muss schon damals sehr witzig gewesen sein, wenn mich Tanten und Onkels sahen, lachten sie immer. Ich hatte viele Tanten und Onkels.

Als meine „Trinkkur“ beendet war, bekam ich feste Nahrung. Die hieß so, war aber wie Brei, schmeckte auch so. Ich war mit allem zufrieden, was man nicht ausspucken konnte und dann nannte man mich „Dickerchen“. Manchmal musste mein Bruder, das war ein Heini, auf mich aufpassen, was mir nicht immer passte. Heini war geruchsempfindlich und jetzt hatte ich eine Waffe, die man hinten abdrücken konnte. Er verzog sich dann, der Geruch noch nicht.

Als ich merkte, dass meine Beine bis zum Boden reichten, stellte ich mich auf diese und lernte laufen. Na ja, was man eben so nennt. War trotzdem interessant. Unten laufen, oben greifen, das ergab ganz neue Möglichkeiten. Nachdem ich die erste Strecke meines Kindesalters zurückgelegt hatte, kam Papa mit einem gebrauchten Lederkoffer, den schnallte er mir auf den Rücken. „Du darfst zur Schule gehen,“ meinte Mutti raffiniert. Sie sagte nicht, „du musst“. Mutti war eine kluge Frau.

„Trusoschule“ hieß die Kindersammelstelle, wo ich abgegeben wurde. Da waren viele Kinder, auch ganz große, so um die 12 müssen die schon gewesen sein. Wir wurden in Gruppen eingeteilt und in verschiedene große Zimmer gebracht. In unser Zimmer kam ein Lehrer, der sich Knobloch nannte, war aber nicht aus der Türkei. Der war ziemlich klein, aber älter als wir und trotzdem nett. Er hat uns viel erzählt, wir haben alles geglaubt.

Wir lernten Sachen, die wir vorher gar nicht wussten. Schreiben und Lesen und Rechnen nannte man das, war interessant. Nachdem wir genug geleistet hatten, bekamen wir Zeugnisse. Ich war Zweitbester. Für alles, was wir da gemacht haben, stand „2“ im Zeugnis. In Betragen war ich sogar erster. Dann kam ein neues Schuljahr, fing aber nicht am 1. Januar an, ist auch egal. Ich war wieder ganz prima, hab´ das auch Mutti und Papa gesagt. Sie haben mir das auch mit ihrer Unterschrift bestätigt.Wie zu erwarten, wurde ich immer grösser und dazu auch noch älter. Ich kam in eine neue Schule, die sah zwar nicht so aus, aber ich fühlte mich dort klüger, als vorher. Wir mussten eine Sprache lernen, die wir noch gar nicht kannten, das war komisch. Beim Buchstaben „S“ durften wir an der Zunge ziehen, das war ganz lustig.

Eines Morgens kam Papa an mein Bett, „es ist Krieg“, sagte er. Endlich´ mal was anderes, dachte ich und freute mich. Mutti gab Papa Urlaub, damit er zum Schießen gehen konnte. Wir beiden Jungens durften nicht mit, das verstanden wir nicht. Ach ja, da war noch ein Schwesterchen gekommen und noch eins und noch eins. Da waren wir fünf Kinder. Das wurde eng. Ich musste in ein „KLV-Lager“ auswandern und nahm meine Freunde mit. KLV, das heißt „ Kinderlandverschickung.“ Man machte das, damit es die Kleinen nicht zerbombt. Im KLV-Lager wurde morgens eine Fahne hochgezogen, da mussten wirimmer den rechten Arm hochheben, damit jeder weiß, wo sie hängt.

Im Januar 1945 wollten uns russische Soldaten besuchen, das wollte unser Lagerleiter nicht so gern; wir sind einfach abgehauen. War kalt! Wir sind so lange gelaufen, bis wir einen Zug mit Lokomotive gesehen haben, da sind wir ´rein. Es waren viele Leute da. Mit etwas Verspätung kamen wir im März in dem Land Dänemark an, da sprachen die Leute ganz anders. Wir wohnten da auf einer Insel mit viel Wasser und wenig zu essen. Da blieb ich zwei Jahre, bis mich meine Mutti gefunden hat. Meinen Papa haben die Russen tot gemacht; aber meine Geschwister waren fast alle noch da; bis auf den kleinen Dieter, der ging auch tot.

1947 durfte ich zu Mutti und den Anderen, wir wohnten jetzt, wo auch die Russen waren; aber die haben nicht mehr geschossen. Ich durfte in eine Schule für ganz kluge Kinder gehen; aber nur drei Jahre. Da waren wir alle so klug, dass wir in den Westen rüber machten, die ganzen Überreste von unserer Familie.

Da wurde ich Lehrling im Büro von einer Fabrik, die Papier bedruckte und viele Bücher daraus machte. Dann machte ich eine Prüfung, war sehr klug inzwischen. Trotzdem habe ich mir eine Frau gesucht, das hat viel Spaß gemacht. Erst hat sie ein Baby bekommen und dann noch eins und sie hat gesagt, die sind von mir.

Dann bin ich nach München und kam in eine Fabrik, wo Glückwunsch-Karten gemacht wurden, ganz viele, damit auch meine 799 Kollegen zu Essen kaufen konnten. In München bekam ich eine andere Frau und zwei Kinder dazu. Da waren wir wieder eine Familie und mit einer Omi dazu. Das ging ganz lange, bis die Kinder groß waren und Omi tot.

Als ich dann mit Hilde, meiner Frau allein war, habe ich Sprüche gemacht und mich selbständig. Viele Sprüche habe ich in die Schweiz geschickt, dafür bekam ich Geld. Dann habe ich auch Sprüche für mich gemacht, zuerst ohne Geld und dann mit wenig. Ging aber auch. Jetzt gibt es ein grünes Buch mit meinen Sprüchen, müsst ihr ´mal gucken!

Zitate von Fred Ammon

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